03.11.2021

Megatrend: Gesundheit durchdringt auch Arbeitswelt

Unternehmen

Vom Megatrend Gesundheit, der viele Lebensbereiche durchdringt, ist auch die Wirtschaft betroffen: Unternehmen sorgen vermehrt für gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen, medizinische Fachkräfte sind sehr gesucht, und es entstehen neue professionelle Tätigkeiten zur Steigerung unseres Wohlbefindens.

Durch Corona hat unser Gesundheitsbewusstsein – schon vor Covid-19 ein gesellschaftlicher Megatrend – nochmals an Bedeutung gewonnen. Das deutsche Zukunftsinstitut schreibt: «Vor allem seit der Pandemie ist die Bedeutung von körperlicher Unversehrtheit zu einer Schlüsselressource geworden.» Dabei wird Gesundheit als «Fundamentalwert» in unserer Gesellschaft immer ganzheitlicher betrachtet. Es geht nicht um isolierte körperliche Leiden mit spezifischen Symptomen, die sich mit gezielten Therapien beseitigen lassen. Der Körper wird vielmehr als komplexe Einheit wahrgenommen, in dem alles zusammenhängt. Hinzu kommen das psychische Befinden und äussere Einflussfaktoren wie unsere soziale Eingebundenheit oder unsere Arbeitsumgebung. «Dieses ganzheitliche Konzept Holistic Health bezieht demnach nicht nur Körper und Geist, sondern auch die menschliche Umwelt mit ein – bis hin zur globalen Ebene. Denn schlussendlich hängt die Gesundheit des Einzelnen auch von der Gesundheit des Planeten ab», so das Zukunftsinstitut.

Arbeitsumgebung soll Gesundheit fördern

Wir tun viel, um gesund zu bleiben: gesunde Ernährung, sportlicher Lebensstil, präventive Massnahmen, die Nutzung von digitalen Hilfsmitteln wie Schritt- oder Kalorienzähler-Apps usw. Und auch die Arbeitswelt kann sich dem Megatrend Gesundheit nicht entziehen. Als Arbeitnehmer*innen betrachten wir mit unserem holistischen Gesundheitsverständnis die Ausgestaltung unseres Arbeitsplatzes als wichtig für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden.

Arbeitgeber*innen sind deshalb gerade im Licht des Fachkräftemangels daran interessiert, die Arbeitsbedingungen zu optimieren. «Eine gesundheitsfördernde Arbeitsumgebung zu schaffen, wird ein wichtiger Faktor im War for Talents», schreibt das Zukunftsinstitut. «Bei Corporate Health geht es zunehmend um mehr als gesundes Essen in der Kantine und einen ergonomisch eingerichteten Arbeitsplatz. Auch die Arbeitsatmosphäre sowie der Umgang mit Stress, Konflikten und Krisen sind zentrale Bestandteile.» Gerade junge Menschen seien gesundheitsbewusst wie nie zuvor und sensibel für Arbeitsumgebungen, die ihnen nicht guttun.

Sozusagen das bauliche Pendant zur betrieblichen Gesundheitsförderung ist die Healing Architecture, also heilende Architektur durch das Wohlbefinden steigernde Raumgestaltung, Beleuchtung, Akustik und Luftqualität. Selbstredend sind es vor allem Gesundheitsbauten, welche dieses Konzept anwenden – im Kanton Aargau namentlich das Kantonsspital Baden mit seinem Neubau.

Im Wirtschaftsleben sind also sämtliche Branchen, nicht nur die Gesundheitsberufe, vom Megatrend Gesundheit betroffen: über die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes bzw. Corporate Health. Doch welchen Einfluss haben die neuen, allumfassenden Bedürfnisse auf das Gesundheitswesen und den damit verbundenen Arbeitsmarkt?

In klassischen Gesundheitsberufen fehlen Fachkräfte

Die Gesundheitsberufe sind ähnlichen Entwicklungen unterworfen wie andere Branchen: Akademisierung, Spezialisierung, Technisierung. Es gibt diverse Lehrberufe, Weiterbildungswege an Höheren Fachschulen sowie Ausbildungen an Universitäten und Fachhochschulen. Neben der Schulmedizin entwickelten und entwickeln sich Angebote der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin; manche davon nehmen für sich in Anspruch, besonderen Wert auf Ganzheitlichkeit zu legen. Und schliesslich zählen auch nicht-medizinische Berufe zum nach dem holistischen Verständnis erweiterten Gesundheitswesen: Ernährungsberaterinnen, Fitnessinstruktoren, Lifestyle-Coaches, Organisatorinnen von Waldbaden-Spaziergängen, Achtsamkeits-Workshops oder Digital-Detox-Seminaren und dergleichen.

Während nicht-medizinische Tätigkeiten oft von Freiberufler*innen ausgeübt werden und ihren Markt finden, taucht bei den eigentlichen Gesundheitsberufen immer wieder dasselbe Schlagwort auf: Fachkräftemangel. Der medizinische Fortschritt und die damit verbundene demografische Alterung führen zu einer verstärkten Nachfrage nach Arbeitnehmer*innen im Gesundheitswesen.

Verschiedene Schweizer Hochschulen haben die Competence Network Health Workforce gegründet, wo sie Grundlagenwissen und Massnahmen gegen den Fachkräftemangel erarbeiten. Der Nationale Versorgungsbericht 2021 über das Gesundheitspersonal in der Schweiz stellt fest, dass der Bestand des Pflege- und Betreuungspersonals zwischen 2012 und 2019 um 20 Prozent zugenommen hat. Auch die Zahl der Ausbildungsabschlüsse habe bemerkenswert gesteigert werden können (jene der diplomierten Pflegefachpersonen HF etwa um rekordhohe 74 Prozent), sodass die Unterdeckung des Personalbedarfs entgegen früherer Prognosen etwas abgenommen habe.

Nichtsdestotrotz geht der Bericht davon aus, dass im Zeithorizont bis 2029 der verfügbare Nachwuchs auf Sekundarstufe II nur 80 Prozent des Bedarfs von 27’100 Personen ausmacht, auf Tertiärstufe sogar nur 67 Prozent von benötigen 43’400 Fachkräften. Die Lücke zwischen Angebot und Bedarf entstehe im Wesentlichen durch vorzeitige Berufsaustritte. «In diesem Sinne sind die Betriebe gefordert, grosse Sorge zu ihrem Personal zu tragen».

Pflegefachpersonen werden umworben

An den Ausbildungszahlen liegt es also nicht in erster Linie. Insofern trägt zum Beispiel die im Kanton Aargau geltende Ausbildungsverpflichtung Früchte. Sie gilt seit 2016 für nicht-universitäre Gesundheitsberufe und betrifft Spitäler, stationäre Pflegeeinrichtungen und Organisationen der Pflege und Hilfe zu Hause (Spitex). Gemäss Datenreport 2020 ist die Zahl der hiesigen Ausbildungsstellen von 1093 im Jahr 2014 auf 1713 gestiegen. Auch punkto Berufsaustritte unternimmt der Kanton Aargau etwas: Jüngst hat er ein Aktionsprogramm gestartet, das diplomierte Pflegefachkräfte für eine Rückkehr in den Pflegeberuf gewinnen will, indem er Wiedereinstiegskurse finanziell unterstützt.

Kein Wunder, positionieren sich die Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen angesichts des Fachkräftemangels als attraktive Arbeitgeber. Das Kantonsspital Aarau wirbt mit «fortschrittlichen und familienfreundlichen Anstellungsbedingungen sowie vielfältigen attraktiven Mitarbeiterangeboten und -services». Das Kantonsspital Baden «bietet interessante Stellen mit fairem Lohn und vielfältigen Zusatzvorteilen. Es fördert die Aus- und Weiterbildung und macht Karrieren möglich.» Und die Psychiatrischen Dienste Aargau als dritte Grosse im Bunde schreibt. «Als Arbeits- und Ausbildungsstätte bieten wir Berufseinsteigenden und Fachleuten attraktive Bedingungen mit besten Zukunftsaussichten und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten.»

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